Ursachen und Behandlung des Bandscheibenvorfalls beim Hund

In der Humanmedizin gehören Bandscheibenvorfälle zum Alltag jedes Orthopäden. Beim Hund ist der Diskusprolaps nicht ganz so häufig – aber häufiger, als viele Hundebesitzer denken. Manuelle Therapie kann bei der Nachsorge unterstützen – sofern rechtzeitig gehandelt wird.

Die Bandscheibe (Discus intervertebralis) stellt die elastische Verbindung zwischen den einzelnen Wirbel der Wirbelsäule dar, und zwar sowohl im Hals- wie auch im Brust- und Lendenbereich. Sie besteht aus einem faserigen, wasserhaltigen Bindegewebsring (Anulus fibrosus) und besitzt beim Hund – wie beim Menschen – einen weichen Gallertkern (Nukleus pulposus). So gewährleisten Bandscheiben eine erschütterungsfreie, elastische Bewegung der Wirbelsäule.

Was passiert beim Bandscheibenvorfall?

Durch eine traumatische Ursache (Sturz, Fall) oder dauerhafte Überlastung, aber auch durch einen problematischen Körperbau kann die Bandscheibe aus ihrer Normalposition zwischen zwei Wirbelkörpern herausgedrückt werden. Kommt es lediglich zu einer Vorwölbung, die unter Umständen umliegende Nerven reizt und so Schmerzen versursacht, spricht man von einer Protrusion.

Bei einem tatsächlichen Vorfall (Diskus prolaps) reißt der Faserring, und der Gallertkern quillt heraus. Die teilweise unerträglichen Schmerzen entstehen in zwei Stufen: Zunächst wird umliegendes Gewebe beim Prolaps direkt beschädigt. Anschließend kommt es aufgrund der resultierenden Minderdurchblutung zum Absterben weiteren Gewebes. Die Muskeln des Areals kontrahieren, um den betroffenen Bereich zu schützen und zu fixieren, und tragen so zum Schmerzgeschehen bei. Der Hund bewegt sich ungern und steht nur schwerfällig auf. Oft winselt er bei bestimmten Bewegungen vor Schmerz.

Bei einer massiven Quetschung der aus der Wirbelsäule austretenden Spinalnerven kann es sogar zu dauerhaften Lähmungserscheinungen kommen. Da der Austritt des Gallertkerns fortschreitet und die entstehende Entzündung Raum fordert, entwickeln sich solche Lähmungen oft nicht sofort, sondern erst nach 12 bis 24 Stunden. Dann können betroffene Hunde oft gar nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen oder sich im Stand aufrecht halten. Der Absatz von Kot und Urin ist nicht mehr kontrollierbar; insbesondere bei den kraftraubenden Versuchen, sich über die Vorderhand hochzuziehen, kommt es zum Absatz von Fäzes.

Ursachen des Bandscheibenvorfalls

Bandscheiben besitzen keine Blutgefäße; sie werden wie Knorpel per Diffusion ernährt, also indem nährstoffreiche Flüssigkeit ein- und ausströmt. Das gelingt aber nur, wenn zum einen genügend Flüssigkeit im Organismus vorhanden ist und zum anderen, wenn die Wirbelsäule bewegt wird. Nur dann funktioniert die „Pumpe“ zur Versorgung der Bandscheiben. Bewegungsmangel ist daher eine zentrale Ursache für Bandscheibenbeschwerden.

Aber auch zu viel sportliche, belastende Bewegung kann schaden: Die Bandscheibe wird dann zwar immer wieder „ausgedrückt“, kann aber nicht schnell genug wieder Flüssigkeit aufnehmen – die Elastizität leidet. Der dauerhaft hohe Druck führt außerdem zu einer Unterversorgung mit Nährstoffen, die das Gewebe schneller reißen lässt.

Ein Bandscheibenvorfall kann jeden Hund in jedem Alter treffen, aber bestimmte Rassen sind durch ihren Körperbau prädestiniert. Bei Dackeln, Welsh Corgis oder Pekinesen beispielsweise („chondrodysplastische Rassen“ mit kurzen Beinen und „Zwergenstatur“) werden überdurchschnittlich oft Diskopathien diagnostiziert. Diese Rassen sind genetisch vorbelastet: So konnte man bei Dackeln schon früh stattfindende Umbauprozesse an den Bandscheiben nachweisen; der Gallertkern wird dann ab einem Alter von wenigen Monaten zunehmend gegen faseriges Gewebe ausgetauscht. Später beginnt die Bandscheibe von außen nach innen zu verkalken bzw. zu verknorpeln und teilweise abzusterben. Die erforderliche Elastizität ist damit nicht mehr gegeben.

Andere Rassen erleiden oft nur Protrusionen, die in vielen Fällen subklinisch – also ohne Symptome – ablaufen. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 50 Prozent der Hunde einen solchen „stillen“ Bandscheibenvorfall haben.

Behandlung schwerer Bandscheibenvorfälle

Ein Bandscheibenvorfall bedeutet immer auch eine Durchblutungsstörung im Rückenmarksbereich – und die ist riskant: Die Minderdurchblutung führt rasch zu dauerhaften Schädigungen des Gewebes. Bei einem schweren Bandscheibenvorfall, der eine vollständige Lähmung der Hinterbeine und sogar die Ausschaltung des Tiefenschmerzes verursacht, ist bereits nach 24 bis 48 Stunden von irreparablen Schäden auszugehen. Der erste Weg beim Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall – egal, ob leicht oder schwer – muss daher immer zum Tierarzt führen. Dieser klärt über bildgebende Verfahren die Ursache der Symptome ab.

Ein schwerer Diskusprolaps wird in aller Regel operativ korrigiert. Danach ist der vorsichtige Aufbau im Rahmen einer physiotherapeutischen Behandlung, bspw. durch TENS-Stimulation oder isometrische Übungen für das lokale Muskelsystem. In einem späteren Stadium ist, je nach Erholungsstand, auch Aquatraining möglich.

Bei leichteren Fällen steht eine Schmerztherapie und das Abklingen der Entzündungen im Vordergrund. Tierärzte verordnen nichtsteroidale Entzündungshemmer sowie Muskelrelaxantien. Tierheilpraktiker können beispielsweise mit Blutegeln oder Akupunktur wirksam gegen das Schmerzgeschehen vorgehen. Nachdem die Schmerzen abgeklungen sind, ist eine Physiotherapie dringend anzuraten – gezielter Muskelaufbau und gleichzeitige Lockerung der verspannten Muskeln um den betroffenen Bereich der Wirbelsäule helfen dabei, weitere Schäden zu verhindern und die Beweglichkeit zur erhalten. Physikalische Therapien unterstützen die Rekonvaleszenzphase.

In jedem Fall ist nach dem Vorfall eine konsequente physiotherapeutische oder osteopathische Kontrolle des tierischen Patienten erforderlich. um Überlastungen und Fehlhaltungen frühzeitig zu korrigieren. Zum jeweiligen Hund passende Bewegung ist bei der Vermeidung weiterer Vorfälle zentral. Auch hier kann der manuelle Tiertherapeut helfen, indem er einen individuellen Trainingsplan erstellt – schließlich muss eine Französische Bulldogge anders trainiert werden als ein Deutscher Schäferhund. Querfeldein-Spaziergänge, die die Propriozeption (Wahrnehmung der Körperbewegung) schulen, helfen dabei, einseitige Schonhaltungen zu vermeiden, indem sie den Hund zum Springen, Heben der Beine und lateralem Biegen motivieren.

Prophylaxe

Hunde mit langem Rücken und kurzen Beinen wie Dackel sollten generell keine großen Sprünge machen. Beim Landen – oft schon beim Treppen-Hinuntersteigen – kann es schnell zu Quetschungen kommen.

Übergewicht belastet die Bandscheiben unnötig. Soll ein zu dicker Hund noch dazu durch viel Sport abnehmen, leidet der Rücken. Das Abnehmen sollte daher durch eine ausgewogenen Diät sowie maßvolle Bewegung unterstützt werden. Das bedeutet: lieber zwei Stunden Spazierengehen als den Hund eine halbe Stunde am Fahrrad laufen lassen.
Da die Nährstoffversorgung der Bandscheibe durch das Einströmen von Flüssigkeit gewährleistet wird, ist der Wasserhaushalt des Körpers entscheidend. Oft kann sich der Besitzer nicht auf die natürliche Wasseraufnahme des Hundes verlassen, denn einige Rassen haben keine große „Trinklust“. Diesen Hunden sollte man das Trinken durch Öl oder Fleischsaft im Wasser schmackhaft machen, Trockenfutter meiden und auch Nassfutter zusätzlich mit Wasser übergießen.

Übrigens ...

Bandscheibenvorfälle treten nicht nur bei Hunden und Menschen auf, sondern auch bei Katzen und Kaninchen. Beim Menschen, dessen Bandscheiben durch den aufrechten Stand besonders belastet sind, sind Bandscheibenvorfälle heute bereits ab einem Alter von 30 Jahren häufig anzutreffen. Allerdings gibt es beim Mensch wie beim Hund eine enorme Dunkelziffer „stiller“ Bandscheibenvorfälle. Bei Zwei- und Vierbeiner könnte kein noch so erfahrener Radiologe anhand eines Röntgenbildes sagen, ob der Vorfall Probleme bereitet oder nicht. Das weißt darauf hin, dass noch andere Faktoren mitspielen – beispielsweise könnten die Faszien eine entscheidende Rolle innehaben. Das würde erklären, warum Bandscheibenschmerzen mitunter durch Kinesiotaping gemildert werden können.

In jedem Fall gilt: Rückenleiden sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Beim Menschen fand man heraus, dass jemand, der länger als drei Monate an Rückenschmerzen leidet, mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Depression bekommt. Beim Hund wurde dieser Zusammenhang schlicht noch nicht untersucht.

(Kay Szantyr)

Login für BVM Mitglieder

Noch kein BVM e.V. Mitglied?

Wir sind ein Team aus bereits erfahrenen Tierphysiotherapeuten und -therapeutinnen und möchten gemeinsam mit Ihnen ein hohes Niveau am Markt anbieten.
Mitgliedschaften vergleichen .
Jetzt Mitglied werden