Anatomische Hintergründe verstehen - Pferdeausbildung optimieren

Autorin: Kira Podlesch ist Physiotherapeutin und Chiropraktikerin für Hunde und Pferde und Dozentin an der ATM - Akademie für Tiernaturheilkunde.

In meiner täglichen Praxis und dem Umgang mit meine Kunden wird mir immer wieder bewusst, dass nur die wenigsten wirklich wissen, wie ein Pferd physisch und psychisch funktioniert.

Egal ob es sportlich oder als Freizeitpferd genutzt wird – das Pferd soll für das „funktionieren“, was sich der Besitzer mit ihm und für es vorgestellt hat. Nur wenige Reiter aber sind in der Lage, das Exterieur nach seiner „Bedienungsfreundlichkeit“ und seinen Schwachstellen zu beurteilen. Auch fehlt oft das anatomische Wissen, um das Training durchzuführen, das für ein Reitpferd unabdingbar und wirklich gesundheitsfördernd oder -erhaltend ist.

Erst wenn der Reiter versteht, welche Muskeln und welche gelenkigen Hebel was im Körper tun und welche Muskeln mit welchem Training gefördert werden, kann er eine Stufe weitergelangen. Wenn dann noch die Einsicht für den individuellen Körperbau und damit die Möglichkeiten des einzelnen Pferdes besteht, kann von einem wirklich pferdegerechten Training gesprochen werden! – Bei uns Menschen ist das recht klar: Ein kleiner Mensch wird eher nicht Basketballspieler werden und ein kräftiger und stämmiger Körper eignet sich nicht so gut zum Balletttanzen. Doch wo bleibt diese Einsicht bei den Pferdebesitzern?

Wir alle wissen, dass der Glaube Berge versetzen kann. Ein menschliches Individuum kann über sich hinauswachsen, wenn seine Eigenmotivation es antreibt, sein Ziel zu erreichen. Dieses Individuum will etwas unbedingt schaffen – und kämpft dafür. Doch wie kriegen wir unseren geliebten Vierbeiner dazu, solch eine Eigendynamik und Motivation zu entwickeln, dass er trotz seines eventuell nicht optimal geeigneten Exterieurs über sich hinauswächst?

Der Grundstock dafür ist die klassische Skala der Ausbildung.

Missverständnisse rund um die Dehnungshaltung

Eine erste große Hürde stellt oft bereits die Dehnungshaltung dar. Jeder weiß, wovon gesprochen wird – doch sprechen hier wirklich alle vom gleichen?

Rein physiologisch ist die Dehnungshaltung der Grundstein, damit das Pferd seine Tragfähigkeit entwickeln kann. In der Dehnungshaltung lernt es, seinen Körper unter dem Reitergewicht ausbalanciert zu bewegen. Damit ist das Erreiten der Dehnungshaltung essenziell für die Gesunderhaltung des Pferdes. Bezüglich dieses letzten Punktes habe ich immer wieder feststellen müssen, dass die Anatomie des Pferdes kaum einem Reiter wirklich bewusst ist.

Was passiert im Körper, wenn das Pferd in Dehnungshaltung läuft?

Die Wirbelsäule besteht aus vielen Gelenken, die über starke Gelenkkapseln und einen strammen Band- und Halteappart von Muskeln, Sehnen und Bändern miteinander verbunden sind. Je nach Abschnitt haben wir unterschiedliche Bewegungsmöglichkeiten. Die beweglichsten Bereiche sind Hals- und Lendenwirbelsäule. Das Kreuzbein ist über seine knöchernen seitlichen Flügel mit starken, aber federnden Bändern mit dem Becken verbunden. In diesem Bereich wird die Schubkraft empfangen und über die Hinterhand an den ganzen Rücken weitergeleitet. Ihren Halt verdankt die Wirbelsäule ihren starke Bändern und Knorpelscheiben.

Das wichtige Nackenband ersteckt sich vom Genick bis zum Beginn der Brustwirbelsäule. Ab der Brustwirbelsäule wird es als „Rückenband“ bezeichnet und ist bis zum Kreuzbein mit den knorpeligen Enden der Dornfortsätze eines jeden Wirbels verwachsen.

Für die praktische Arbeit ist die Erreichung einer konsequent guten Dehnungshaltung die wichtigste Aufgabe jedes Reiters, denn erst die Dehnungshaltung ermöglicht es dem Pferd, das Gewicht auf seinem Rücken ohne Anstrengung passiv tragen zu können.

Das Herabsenken des Kopfes lässt das Nacken- bzw. Rückenband und damit die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule nach vorne gleiten. Gleichermaßen zieht das Rückenband die Dornfortsätze der hinteren Brust- und Lendenwirbel nach hinten. Das Band wird gedehnt; die Abstände zwischen den Wirbelkörpern vergrößern sich. Die Wirbelsäule gleicht in diesem Zustand einer Spannbrücke, die ohne Kraftaufwand den ausbalancierten Reiter tragen kann und gleichzeitig in der Lage ist, eine physiologische Muskelaktivität zu gewährleisten. Nur über die Dehnungshaltung können alle Muskeln im Körper nach und nach an- und entspannen und kann eine physiologische Muskelaktivität gelingen.

Dehnungsschmerz im Vorwärts-Abwärts

Anatomische Hintergründe verstehen – die Pferdeausbildung optimieren

Im Vorwärts-Abwärts werden das Nacken-/Rückenband sowie die umliegenden Rückenmuskeln gedehnt und der Thorax angehoben. Die Lordose im Übergang von der Hals- zu Brustwirbelsäule flacht sich ab.

Zeichnung: Kay Szantyr

 

Natürlich ist ein Pferd nicht sofort in der Lage, konsequent diese Haltung einzunehmen. Die Muskeln, die dabei zum Einsatz kommen, müssen erst nach und nach Kraft aufbauen, um diese Stellung zu halten. Leider ist Reitern oft nicht bewusst, dass auch ein Pferd einen Dehnungsschmerz empfindet. So, wie wir nicht automatisch alle einen Spagat können, muss auch das Pferd lange trainiert werden, um die volle Dehnungsfähigkeit des gesamten Bewegungsapparates zu erreichen. Gerade im Galopp wird das Rückenband am intensivsten gedehnt. Hier muss der lange Rückenmuskel rechts und links der Wirbelsäule (M. longissimuss dorsi) parallel arbeiten und wird automatisch maximal in Dehnung gebracht. Gleichzeitig ist das Galopptraining für die Bauchmuskulatur ein dauerhaftes „Sit-up-Trainig“ und bedarf immer wieder der Entspannungsphasen. 

Wenn das erst einmal verstanden ist, dann sollte auch verständlich werden, warum Pferde gerade im Galopp oft Schwierigkeiten haben und sich immer wieder der Reiterhand entziehen. Mit dem Bewusstsein für diese Biomechanik wird der Reiter eher zu überlegen beginnen, wie er sein Pferd motivieren kann, sich immer wieder in diesen „Dehnungsschmerz“ hineinzubegeben und sich dadurch zu verbessern – statt sich zu ärgern, dass der „blöde Gaul“ so widersetzlich ist.

Pferdeausbildung mit Rücksicht auf die individuellen Voraussetzungen

Das Pferd ist ein Individuum mit guten und schlechten Tagen, so wie wir sie haben. Zusätzlich hat jedes Pferd einen anderen Körperbau und ein unterschiedliche Festigkeit des Bindegewebes, welches das Bewegungsausmaß stark beeinflusst. Eine steile Schulter, ein kurzer oder langer Rücken, eine flache oder steile Kruppe, lange oder zu kurze Röhrbeine ... alles verändert die körperliche Bewegungsampiltude in irgendeiner Art und Weise.

Deswegen muss der Reiter die Grenzen und die Möglichkeiten seines Pferdes erkennen und akzeptieren lernen. Ein Pferd, das immer wieder an seine körperliche Leistungsgrenze gebracht wird, hat Dauerstress – und kann dadurch langfristig schwer erkranken.

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