Autorin: Kira Podlesch ist Physiotherapeutin und Chiropraktikerin für Hunde und Pferde und Dozentin an der ATM - Akademie für Tiernaturheilkunde.

Der Begriff Ataxie bedeutet generell so viel wie „Unordnung“ oder „Unregelmäßigkeit“. Dahinter versteckt sich ein Krankheitsbild, dessen Symptome verschiedenen Störungen der Bewegungskoordination sind. Ursache einer Ataxie sind Schädigungen des Zentralnervensystems (ZNS).

Unterschieden werden kann zwischen der Stand- und der Gangataxie (Unfähigkeit zum Stehen/zu physiologischer Bewegung).

Je nach Schwere der Ataxie lässt sich diese in 3 Grade (nach Böhm) einteilen. Betroffene Pferde zeigen eine Störung in Form von übermäßigen Bewegungen (oberes motorischen Neuron) oder verringerter motorischer Fähigkeit der Fortbewegung (unteres motorisches Neuron).

Formen der Ataxie

Ataxien treten in drei Varianten  auf: als spinale Ataxie, als zerebrale Ataxie sowie als zerebellare Ataxie.

Die spinale Ataxie basiert auf der Schädigung des Rückenmarks; ihr liegt eine Schädigung der sensiblen Nervenbahnen zugrunde. Ausgelöst wird dies besonders durch Verletzungen mit Prellungen und Stauchungen, die zu Blutergüssen innerhalb des Wirbelkanals führen. Auch Knochenbrüche und arthritischen Veränderungen der Wirbel/Wirbelsäule können das Rückenmark einengen und es somit in seiner Funktion beeinträchtigen.

Sehr häufig kommt es zu Subluxationen in der Halswirbelsäule mit traumatisch geschädigtem Halsmark. Dies kann bei heftigen Kämpfen unter Jungpferden, Stürzen oder anderen Unfällen passieren. Diese spezielle Form der spinalen Ataxie wird als Wobbler-Syndrom bezeichnet und bringt deutliche sensomotorische Ausfallerscheinungen mit sich.

Falsche Ernährung während der Aufzucht kann zu Wachstumsstörungen der Knochensubstanz führen. Zu energie- und eiweißreiche Fütterung des Pferdes kann das Knochenwachstum verstärken und so zu einer enormen Dysbalance zur Weichteilentwicklung führen. Die zu langsam wachsenden Weichteile sind in der Lage, eine Ataxie auszulösen. Auch Behinderungen der Blutversorgung des Rückenmarks (Embolien) oder Thrombosen können eine spinale Ataxie verursachen.

Die zerebrale Ataxie wird durch eine Erkrankungen des Groß- (Cerebrum), Zwischen- oder Mittelhirns ausgelöst. Sie unterscheidet sich von der spinalen Ataxie in der Form, dass sowohl eine Stand- als auch eine Gangataxie vorhanden ist. Die zerebrale Ataxie kann in jedem Alter auftreten und wird durch ein Trauma oder eine Infektion des ZNS verursacht.

Die zerebellare Ataxie entsteht durch eine Schädigung des Kleinhirns (Cerebellum). Sie ist oftmals angeboren, sodass die Symptome unmittelbar nach der Geburt auftreten. Möglich sind aber auch traumatische oder infektiöse Ursachen dieser Ataxie-Variante.

Beide Ataxien, die zerebrale wie die zerebellare, können durch heftige Kopfverletzungen oder Vergiftungen ausgelöst werden. Meistens treten sie aber Begleitung einer schweren Virusinfektion auf. Auslöser können das Equine Herpes-Virus (EHV-1 und EHV-4 = Hirnhautentzündung) sein, das Borna-Virus, eine Infektion mit dem Borreliose-Bakterium, das durch den Befall des Rückenmarks zu einer Ataxie führt, oder Parasiten, die die Blut-Hirn-Schranke durchbrechen und sich im Gehirn ausbreiten.

Symptome der Ataxie

Eine Ataxie äußert sich beim Pferd grundsätzlich durch die Symptomatik eines gestörten, unkoordiniert wirkenden Bewegungsablaufs. Besonders auffällig ist, dass es sich nicht oder nur sehr schwierig rückwärts richten lässt, stark abfallendes und unebenes Gelände vermeidet und große Probleme bei der Gliedmaßenkoordination in engen Wendungen zeigt. Grundsätzlich stolpern oder fallen an Ataxie erkrankte Pferde oft. Beim Führen an der Hand schwanken die Pferde und wirken wie betrunken.

Als Test auf eine Ataxie eignet sich vor allem das abrupte Abstoppen aus der Bewegung (Schritt und Trab), weil ein ataktisches Pferd hiermit große Schwierigkeiten hat. Bei Ataxien der Hinterhand ist der Schweif gummiartig zu bewegen, ohne jeglichen muskulären Widerstand – im Gegensatz zum gesunden Pferd. Ataktische Pferde können im Allgemeinverhalten unauffällig sein. Festzustellen sind – je nach Schwere der Ataxie – Athrophien der Muskulatur rund um die betroffenen Segmente; auch die Sensibilität und die Reflexe können segmental herabgesetzt sein.

Therapie der Ataxie beim Pferd/Therapiekonzept

Die Therapie richtet sich nach der Schwere der Erkrankung. Wenn es sich um eine infektiöse Ataxie handelt, dann ist eine schnelle medikamentöse, erkrankungsspezifische Behandlung notwendig. Es gibt jedoch keine hundertprozentigen Heilungschancen; die Lebensfähigkeit bzw. Lebensqualität des Pferdes nach überstandener Erkrankung ist abzuwägen. Auch eine Eignung als Reitpferd ist selbst nach einer erfolgreichen Behandlung nicht immer gegeben.

  • Bei der spinalen Ataxie muss der Schweregrad festgestellt und eine gründliche Beurteilung des Patienten vorgenommen werden. Sie ist nur mittels bildgebender Verfahren und einer klinischen Beurteilung durch einen Therapeuten/Tierarzt möglich.
  • Wurde die Ataxie durch eine einmalige Kompression des Rückenmarks (Trauma) ausgelöst, kann sich diese spinale Ataxie unter Umständen von selbst verringern. Ein Abwarten ohne Medikamente ist also gerechtfertigt, wenn der behandelnde Therapeut sein Ok gibt. Die Verbesserungen müssten in den kommenden Tagen/Wochen deutlich werden.
  • Bei bestehender Ataxie mit Grad 1 oder 2 sollte das Pferd, nach einer entsprechenden Schmerztherapie, auf jeden Fall an der Longe antrainiert werden, um den Aufbau von Muskulatur zu fördern. Leichtes Stangentraining kann die Propriozeption und das Körpergefühl verbessern. Dabei besteht die Chance, dass die fehlende Koordinationsfähigkeit wenigstens teilweise kompensiert wird.  Die Phase des Antrainierens ist auch zur Prognostik geeignet; sie muss zeigen, ob das Pferd weiterhin als Reitpferd nutzbar ist. In der Regel sind Ataxien geringerer Schweregrade nicht als lebensbedrohlich einzustufen.
  • Bei einer Ataxie Grad 3 muss geklärt werden, ob ein lebensbedrohlicher Zustand für das Pferd besteht. Es ist als Reitpferd nicht mehr geeignet. Es bleibt daher nur, die bestehende Lebensqualität des Pferdes sorgfältig zu prüfen und abzuschätzten.

 

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